Eindeutige Differentialität. Ferdinand de Saussures Zeichensystem

Mit seinem 1916 posthum veröffentlichten Cours de linguistique générale vollzieht Ferdinand de Saussure einen methodologischen Paradigmenwechsel in der Linguistik, indem er Sprache, die Semiologie begründend, als subordinierten Teil einer allgemeinen Zeichentheorie untersucht und dabei die synchrone Betrachtung des sprachlichen Regelsystems gegenüber einer diachronen Erforschung der Sprachgeschichte favorisiert. Bereits die binäre Unterscheidung in (1) Diachronie und Synchronie ist kennzeichnend für Saussures Denken in differentiellen Oppositionen und neben der Differenzierung von (2) langue und parole, (3) Signifikant und Signifikat sowie (4) Syntagma und Paradigma eine von vier grundsätzlichen Dichotomien seiner Theorie.

Die Saussure’sche Betonung sprachlicher Synchronie ist deshalb von Bedeutung und markiert, wie Roland Barthes es nennt, eine „epistemologische Wende“, weil sie das Augenmerk von der diachron-etymologischen Sprachbetrachtung auf das Sprachzeichen selbst lenkt und dessen relationale Dependenzen aufzeigt. Damit wird zugleich die Vorstellung von den Sprachelementen inhärenten, ihnen wesenhaften (ontologischen) oder ursprünglichen Bedeutungen, nach denen zu fragen sei, verabschiedet. Saussure konstatiert in den Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (1916): „[D]ie Frage nach dem Ursprung der Sprache [ist] nicht so wichtig, wie man im allgemeinen annimmt. Diese Frage sollte man überhaupt gar nicht stellen“. Und Barthes sekundiert in seinem Aufsatz Saussure, das Zeichen und die Demokratie (1988):

„Sagen Sie nicht wie alle Leute, daß ‚Läufer’ von ‚Lauf’ kommt. Sagen Sie eher, daß ‚Lauf/Läufer’ dem Modell ‚Kauf/Käufer’ nachgebildet wurde. Sagen sie nicht, daß die Aufgabe der etymologischen Wissenschaft darin besteht, eine heutige Form bis auf eine ursprüngliche Form ‚zurückzuverfolgen’; begnügen Sie sich damit, das Wort in eine Konfiguration benachbarter Begriffe, in ein Netz von Beziehungen zu bringen, das die Zeit – und darin besteht ihre kümmerliche Macht – nur topologisch verzerrt.“

Entscheidend sind also die differentiellen Nachbarschaftsverhältnisse der Zeichen, durch die ihnen ein Wert, d.h. eine bestimmte Position im Zeichensystem zukommt.

Saussure unterstreicht den sozialen Charakter der Sprache, die es primär „unabhängig vom Individuum“ zu erforschen gilt, um dergestalt ihre systemhafte Struktur offen zu legen. Aus diesem Grund untergliedert er die Gesamtheit menschlicher Rede (langage) in ein konkretes, individuelles und deshalb verschiedenartiges Sprechen (parole) und ein überindividuelles, gleichartiges Zeichensystem (langue). Da das unbeständige Sprechen sich niemals mittels Regeln systematisieren ließe, sind das Postulat der langue und die Annahme ihrer Synchronie für Saussure unabdingbare Voraussetzungen.

Saussure unterscheidet die Art der horizontalen Beziehung zwischen den einzelnen Satzkonstituenten in praesentia, das Syntagma, von der Relation ihrer jeweiligen vertikal, in absentia mitgedachten Assoziationen, dem Paradigma. Während das Syntagma der Zeit einer Lautfolge bzw. des Schriftraumes bedarf, konstituiert sich die paradigmatische „Gedächtnisreihe“ , sowohl inhaltlicher als auch formaler Natur (als Reihe von „Analogie[n] des Bezeichneten“ und als Reihe der „Gemeinsamkeit der Lautbilder“), in der Vorstellung und ist somit genauso Produkt von Kognitionsprozessen wie das zweigliedrig entworfene Zeichen, das ein bezeichnendes Lautbild, den Signifikanten, mit einer bezeichneten Vorstellung, dem Signifikat, verbindet. Indem Saussure den Zeichenkonstituenten (Lautbild und Vorstellung) jegliche Positivität und eine naturgegebene autoexistente Ontologie abspricht und sie als psychische Werte definiert, die je nur relativ in ihrer Verschiedenheit zu anderen Laut- bzw. Vorstellungsformen, d.h. ex negativo bestimmbar sind, wird die Unsicherheit sprachlicher Referenz evident.

Hinzukommt, dass die Art der mentalen, bilateralen Assoziation von Lautbild und Vorstellung arbiträr ist, d.h. auf Beliebigkeit und Willkür beruht, und lediglich durch historisch-sozial-psychologische Konvention stabilisiert wird. Angesichts der offensichtlichen Unterdeterminiertheit seiner Teile und ihrer willkürlichen Verbindung mag es daher doppelt verwundern, dass Saussure das Zeichenganze als „positives Faktum“ verstanden wissen will und er somit (Barthes nennt es ‚ängstlich’) auf der doch von ihm in Frage gestellten Idee sprachlicher Festigkeit beharrt. Lax formuliert ist das sprachliche Zeichen im Sinne Saussures also relativ, arbiträr und nur differentiell bestimmbar, aber ‚Gott sei Dank’ darin immerhin beständig. Die Problematik dieses Januskopfes wird weiterhin zu thematisieren sein.

Saussure betont in den Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft wiederholt, dass das Sprachzeichen nur in den Köpfen der Sprachbenutzer existiert; es ist nicht der Klang eines Wortes oder dessen Bild auf Papier. Sein materielles Erscheinen (das des Lautes und selbst das der Schrift) ist viel zu disparat, als dass es sich in Regeln fassen ließe. Es muss daher – so die sich notgedrungen anschließende Folgerung – ideell, kurz, Teil der langue sein, damit es sich auf Dauer stellen lässt. Saussure schreibt:

„In der Sprache [langue] […] gibt es nur das Lautbild, und dieses läßt sich in ein dauerndes visuelles [phonetisches] Bild überführen.“ Es ist „unmöglich, daß der Laut an sich, der nur ein materielles Element ist, der Sprache angehören könnte. Er ist für sie nur etwas Sekundäres, ein Stoff, mit dem sie umgeht. Die konventionellen Werte haben es alle an sich, daß sie nicht zusammenfallen mit dem greifbaren Gegenstand, der ihnen als Stütze dient“. „Das Material, mit dem die Zeichen hervorgebracht werden, ist gänzlich gleichgültig, denn es berührt das System nicht […]; ob ich […] Buchstaben weiß oder schwarz schreibe, vertieft oder erhöht, mit einer Feder oder einem Meißel, das ist für ihre Bedeutung gleichgültig.“

Gleichgültig ist demnach, ob Zeichen geschrien oder geflüstert werden, ob sie aus Sand oder aus Blut gemacht sind, und gleichgültig ist vor allem ihr Ort. Der Raum des Zeichens, wo und wie es dort hervorgebracht wird, bleibt mit Saussures Theorie unsichtbar; so könnte die primäre Kritik lauten. Gleichwohl ist der Zeichenkörper für Saussure allgegenwärtig, das machen spätestens seine Untersuchungen zur Phonetik deutlich. Doch auch der konkrete Laut wird sogleich der parole enthoben, um dem System der langue einverleibt zu werden, in dem jegliche Individualität einer verallgemeinernden (synchronen und systematischen) Abstraktion geopfert wird. Die langue aber ist ein Saussure’sches Konstrukt. Der Begriff des Zeichens droht unter dem Primat der Abstraktion selbst brüchig zu werden, denn es verliert den Bezug zu seinem wirklichen Erscheinen. Ist nicht das Zeichen sinnlich, hörbar, sichtbar? Doch konkret geschriebene oder artikulierte Wörter in Schrift und Laut sind für Saussure keine Zeichen, noch Zeichenkonstituenten. Das Zeichen bleibt für ihn rein psychisch:

„Es ist von entscheidender Wichtigkeit, hervorzuheben, daß das Wortbild nicht mit dem Laut [selbstverständlich auch nicht mit der Schrift, L.K.] selbst zusammenfällt, und daß es in dem gleichen Maß psychisch ist wie die ihm assoziierte Vorstellung.“

Es lässt sich also ein Desinteresse Saussures am so genannten „Sekundären“, an der parole und der Materialität konstatieren und dieses Desinteresse ist Methode. Denn durchdrungen von dem Bewusstsein sprachlicher Arbitrarität, spricht durch das auf Einheit und Dauer setzende systemhafte Regelwerk der Versuch, die verloren gegangene Identität der Sprache wiederherzustellen.

Geflissentlich wird dabei die parole von Saussure marginalisiert, dann mit der Konzentration auf die langue eskamotiert:

„Die alles umfassende Gesamtheit der menschlichen Rede widersetzt sich der Erkenntnis, weil sie nicht gleichartig ist, während die vorgeschlagene Unterscheidung [von parole und langue] und Unterordnung [ersterer] alles klärt.“ „Wir werden uns ausschließlich jener letzteren widmen“.

Die Suprematie der, nach Saussure, „gleichartigen“ langue sowie der Synchronie ist dem Willen einer ‚glatten’, regelbegründenden Sprachbeschreibung geschuldet und in dieser Hinsicht eine methodologische Notwendigkeit, offenbart jedoch (obwohl parole und Diachronie theoretisch einbezogen werden) ein ausgesprochenes Bestreben, ‚Sprache’ tendenziell jenseits von Veränderung, jenseits der Materialität, des Raums, der Zeit und des Sprechers bzw. Rezipienten zu verorten.

Saussures Postulat der Permanenz der Sprache steht im krassen Widerspruch zur Feststellung ihrer Beliebigkeit einerseits und sprachlicher Individualität andererseits. Beide drohen die Identität der Sprache zu zerreißen und beiden begegnet Saussure mit einem, wie Barthes in seinem Saussure-Aufsatz bemerkt, (‚glücklicherweise’) „genau umschriebene[n]“ sozialen Konstrukt, einem „Gesellschaftsvertrag“ der Sprache (langue):

„Sie ist ein genau umschriebenes Objekt in der Gesamtheit der verschieden gearteten Tatsachen der menschlichen Rede. Man kann sie lokalisieren […], wo ein Lautbild sich einer Vorstellung assoziiert. Sie ist der soziale Teil der menschlichen Rede und ist unabhängig vom Einzelnen, welcher für sich allein sie weder schaffen noch umgestalten kann; sie besteht nur kraft einer Art Kontrakt zwischen Gliedern der Sprachgemeinschaft.“

Wo die Vernachlässigung sprachlicher Individualität so augenscheinlich, das Postulat sprachlicher Permanenz so emphatisch sich aufdrängt, offenbart sich unter dem Decknamen des Kontraktes eine noch immer nachhallende, auch ontologische Sehnsucht nach sprachlicher Identität. Dass Saussure, wie neben Barthes auch Jean Starobinski beobachtet, jenseits des Cours in kabbalistischer Manier, auf der Suche nach einer verborgenen Ursprache ist, macht dies noch deutlicher. Aus diesem Grund ist also gerade die Inblicknahme der im Diskurs Saussures verwobenen Supplemente, die „individuelle Sprachverwendung“ (parole), die „Materialität“ des Zeichens sowie seine metonymische Strukturierung in der Zeit („Diachronie“), die Inblicknahme des Vernachlässigten, des vermeintlich Sekundären, wie auch Derrida sie in der Grammatologie (1967) einfordert, geboten.