Der Iconic Turn. Die Implosion des perspektivischen Bildraums

Die Konstruktion des Bildes ist seit der Erfindung der Zentralperspektive durch Filippo Brunelleschi (1377-1446) u.a. sowie deren Fixierung in Albertis (1402-1472) De Pictura über Jahrhunderte normativ geprägt. Das Bild, darin als ein geöffnetes Fenster („aperta fenestra“) entworfen, entfaltet einen homogenen mathematisch beschreibbaren Bildraum, der es perspektivisch auf einen Fluchtpunkt hin, Alberti spricht von „Zentralpunkt“, geometrisiert. Tatsächlich, so beobachtet Lacan in Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse (1964), müssen die Sehstrahlen des Betrachters zur korrekten Wahrnehmung des imaginären Fensters wieder jenen (fiktiven) Rahmen passieren, den Dürer u.a. de facto in Form eines Gitterfensters („Pförtchens“) verwendeten, um solcherart den malerischen Blick zu fixieren. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass sich dieser Blick selbst mit dem gewählten Augpunkt in das Bild einschreibt, von wo aus er den Ort der Betrachtung präskribiert und das Subjekt vor dem Bild zentriert. In seinem Aufsatz Blickwechsel. Überlegungen zum ‚iconic turn’ in der Moderne (1998) formuliert Axel Müller:

„Durch die mathematisch vorgegebene Konstruktion, insgesamt durch die projektive Geometrisierung des Sichtbaren, wird die sonst so lebendige Tätigkeit des Auges domestiziert, rigide geregelt und zum Sehstrahl reduziert“.

Der Hintergrund einer divergenzperspektivischen Lebenswelt, ein sprachlich sich einschleifendes differenzielles Denken sowie die Infragestellung eines eindimensionalen, subjektzentrierten Erfahrungsraumes lassen mit Bezug auf das Bild und die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den ‚euklidischen Raum’, ergo den zentralperspektivischen Raum der Renaissance, den Alberti mathematisch beschrieb, kollabieren. An dieser Entwicklung der Destabilisierung, Dezentrierung und Dynamisierung des Blicks ist die Erfindung des Films nicht unbeteiligt. An die Stelle der ‚wissenschaftlichen’, mathematischen Perspektive tritt eine den Betrachter dezentrierende Polyperspektivität, wie auch Müller feststellt:

„Die Dynamisierung der Einansichtigkeit und damit die Zerstörung des perspektivischen Bildraums, auf den sich Albertis Fenster einmal wegweisend öffnete, ermöglicht eine unabsehbare Fülle neuer Bilder, emphatische Zeugnisse eines prozessualen, nicht mehr fixierten Sehens jenseits von Aug- und Fluchtpunkt. Das bedeutet, daß sich der Bildraum nicht mehr geometrisch vereinheitlicht, perspektivisch zusammenfügt, und es bedeutet, daß sich die Wahrnehmung der Bilder prinzipiell ändert, weil wir es heute (und in Zukunft) mit ganz anderen Bildtypen zu tun haben werden.“

Analog zum linguistic turn beschreibt Gottfried Boehm, auf den sich Müller hier bezieht, den genannten Sachverhalt in seinem Aufsatz Die Wiederkehr der Bilder (2001) als iconic turn und meint damit eine neue Sichtbarkeit des Bildraums, der sich dadurch auszeichnet, dass er selbstreferentiell seinen eigenen Diskurs thematisiert, den Ort, von dem aus ‚er spricht’, die Mittel mit denen dies geschieht. Um 1900 vollzieht sich ein Bruch mit dem vorgängigen Bilddiskurs der Einansichtigkeit, der sich mit dem Schwinden der Geometralperspektive bereits seit 1800 etwa bei Goya, Caspar David Friedrich oder Delacroix andeutet. Der eigentliche Paradigmenwechsel aber vollzieht sich mit den mehransichtigen Bildern der Kubisten.