Eine Galaxie von Signifikanten. Roland Barthes’ Textkonzeption

Im Vergleich Saussures mit den Poststrukturalisten konzeptualisiert jener das Zeichen sozial und gesellschaftsübergreifend, während diese das Zeichen stärker unter individueller Perspektive lesen. Bei Saussure ist der Wert der Vorstellung fest, nicht als metonymisches Spiel gedacht, Verstehen ist daher eindeutig möglich. Wo Saussure ein festes Regelsystem, eine Struktur zu installieren sucht, setzt Barthes dagegen in seinem 1970 als „Spur einer zweijährigen Seminararbeit (1968 und 1969)“, wie er schreibt, veröffentlichten Werk S/Z auf prozessuale Strukturierung. D.h. seine literaturwissenschaftliche Theoriekonzeption verfolgt keinen systematischen Anspruch mehr, wie Saussure etwa mit seiner Sprachbeschreibung. Es kann, so Barthes, keine allgemeine Texttheorie mehr geben, die aus verschiedenen Texten destillierbar und dann als schablonenartiges Muster zur Interpretation jeglichen Textes dienlich ist. Denn durch solch eine Gleichgültigkeit einer allgemeingültigen Theorie geht die Einzigartigkeit des je anderen Textes verloren. Mit der Abwendung von einem grundsätzlichen theoretischen Maßstab stellt sich jedoch die Frage der Bewertbarkeit des Kunstwerks. Seinen „Wert“ findet es nach Barthes nicht mehr in einer mustergültigen Feststellung von Bedeutung, sondern im Gegenteil im Maß seiner Schreibbarkeit durch den Rezipienten. Eine solche Perspektive fasst den Leser nicht mehr als passiven Textkonsumenten auf, sondern macht ihn neben dem Text selbst zum produktiven Akteur, indem das Lesen als aktive Arbeit in einem offenen „Textgewebe“ verstanden wird. Lesen meint dann also Lesen und Schreiben zugleich. In Die Lust am Text (1973) konstatiert Barthes:

„Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefasst hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet“.

Den solcherart auf Mehrdeutigkeit ausgelegten „pluralen Text“ nennt Barthes in S/Z den „schreibbare[n] Text“, als dessen Antonym er den „lesbaren Text“ konzeptionalisiert. Bei letzterem handelt es sich um einen Text im klassischen Verständnis (um den „klassischen Text“), während das neue, für die Wollust der Lektüre zugängliche, schreibbare Kunstwerk ein Phänomen der Moderne ist, das die Differenz zwischen Leser, Text und Autor aufhebt.

Mit der Wertsetzung des schreibbaren „modernen Text[es]“ lockert sich die von Saussure postulierte feste Kopplung von Bezeichnendem und Bezeichnetem als „positives Faktum“. Der Signifikant tritt verstärkt in Erscheinung, indem die Lektüre des schreibbaren Textes sich vom eindeutigen Referendum emanzipiert. „Dieser Text ist“, so schreibt Barthes, „eine Galaxie von Signifikanten und nicht Struktur von Signifikaten.“

Nach der Aufwertung des Signifikanten wäre es nun folgerichtig – in Abgrenzung zu Saussure – auf dessen Materialität zu sprechen zu kommen, da diese die Bedeutungsproduktion betrifft. Offenbar zu offensichtlich wird die Identität von Signifikant und Materialität bei Barthes aber kaum ausbuchstabiert, sondern eher stillschweigend vorausgesetzt. Dass es sich dennoch wie beschrieben verhält, beweisen seine Rede vom „materiellen Text“ und die zentrale, graphische Opposition in S/Z, nämlich die visuelle (‚spiegelsymmetrische’) Differenz der Lettern „S“ und „Z“, auf die Barthes im Kapitel „XLVVII. S/Z“ eingeht. Damit vollzieht sich eine Verschiebung weg von der Bedeutungsfeststellung hin zur Sichtbarkeit des ästhetischen Materials, zur Topo-Graphie der Zeichen. Barthes schreibt:

„Nun ist das Z aber der Buchstabe der Verletzung: […] graphisch betrachtet wird es hinausgeschleudert wie von einer Hand, die eine Armbinde hält, in das gleichmäßige Weiß der Seite, […] es schneidet wie eine schrägstehende, verbotene Klinge, streicht durch und zuckt; […] der Querstrich (/) [….] ist der Querstrich der Zensur, die schimmernd blättrige Oberfläche, die Mauer der Halluzination, die Schneide der Antithese, die Abstraktion der Grenze, die Schrägstellung des Signifikanten, der Index des Paradigmas, also Sinn.“

Die Aufwertung der Materialität des Signifikanten hat zur Konsequenz, dass die Bedeutung der Denotation geschwächt wird und Vieldeutigkeit an ihre Stelle tritt. Die Denotation wird als Residuum jener festen Kopplung von Signifikant und Signifikat evident, die eine eindeutige, natürliche Bedeutung verheißt und so die Unschuld der Sprache beteuert. „Sie ist“, so Barthes, „jener überlegene Mythos, aufgrund dessen der Text so tut, als kehrte er zur Natur der Sprache, zur Sprache als Natur zurück“. Gerade dieser Mythos ist aber Kennzeichen des klassischen Textes, weshalb Barthes für die Denotation und ihren Begriffserhalt eintritt:

„Deshalb müssen wir, wenn wir den klassischen Text nachvollziehen wollen, uns die Denotation erhalten, jenes alte, wachsame, listige, theatralische Göttliche, das berufen ist, die kollektive Unschuld der Sprache darzustellen.“

Mit der dekonstruktiven Entlarvung der (hermeneutischen) Denotation als „letzte unter den Konnotationen“ wird Barthes zufolge das Keimen des Sinns im syntagmatischen und paradigmatischen Raum offenbar:

„Analytisch gesehen wird die Konnotation durch zwei Räume bestimmt: durch einen sequenzartigen Raum, eine Ordnungsfolge, einen Raum, der der Aufeinanderfolge der Sätze unterworfen ist, an denen entlang der Sinn wuchert; und einen Ballungsraum, in dem bestimmte Orte des Textes mit anderen, dem materiellen Text äußeren Sinngebungen korrelieren und mit diesen so etwas wie Nebelschwaden von Signifikaten bilden. Topologisch gesehen: die Konnotation gewährt eine (begrenzte) Dissemination der Sinne, die wie Goldstaub auf der sichtbaren Oberfläche des Textes verteilt sind“.

Die Konnotation ist also eine Bedeutung, die sich im Prozess der dem Syntagma folgenden Lektüre als ein fortlaufendes Spiel differentieller Verschiebungen in praesentia bildet und dabei auch erinnerte differentielle Paradigmen vorgängiger Lektüren (d.h. auch die Lektüren anderer Texte) einbezieht. Bedeutung ist somit nicht an einem Ort auszumachen, ist unscharf und besteht im Sammeln gleitender, disseminierter Differenzen.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass, obwohl Bedeutung bei Barthes unendlich ist – sie wird zerstreut –, sie dadurch nicht etwa beliebig wird, denn der Raum der Dissemination ist „begrenzt“. Unbegrenzt ist dagegen die Zahl der möglichen Lektüren, weshalb Barthes Lesen a priori als „Wiederholungslektüre“ konzipiert. Es spricht demnach nichts dagegen sich den plot einer Geschichte vor der Lektüre erzählen zu lassen oder deren Ende zuerst zu lesen, denn der schreibbare Text ist immer derselbe, neue, noch zu schreibende Text, er stellt die Generierung von Bedeutung nachgerade aus. Wiederholte Lektüre bedeutet niemals, dieselbe Lektüre zu wiederholen, wie die erste Lektüre eines Textes niemals die erste ist, denn sie steht in einem Netz vorgängiger intertextueller Bezüge. Deshalb wird, so schreibt Barthes:

„wiederholte Lektüre […] gleich zu Beginn vorgeschlagen, denn sie allein bewahrt den Text vor der Wiederholung (wer es vernachlässigt, wiederholt zu lesen, ergibt sich dem Zwang, überall die gleiche Geschichte zu lesen), vervielfältigt ihn in seiner Verschiedenheit und seinem Pluralen: sie reißt ihn aus seiner internen Chronologie (‚dies hier geschieht vorher oder nachher’) und findet eine mythische Zeit wieder (ohne vorher und nachher). Sie bestreitet die Anmaßung, die uns einreden will, daß die erste Lektüre eine erste, naive, phänomenale ist, die man danach zu ‚erklären’, zu intellektualisieren habe (als ob es einen Beginn der Lektüre gäbe, als ob alles nicht schon gelesen wäre: es gibt keine erste Lektüre […])“.

Eine der möglichen Lesarten des mit der Jahrhundertwende einhergehenden Wandels liegt darin, ihn, bzw. die Text- und Bilderzeugnisse dieser Zeit, semiologisch im Sinne Barthes’ zu lesen. Da die Semiologie als Lehre von den Zeichen die Lektüre sowohl von Texten als auch von Bildern (als Text) erlaubt, kann die oben erläuterte Textkonzeption auch auf Bildzeugnisse übertragen werden.

Nach Barthes’ poststrukturalistischer Wende Ende der 60er Jahre ist jene Textkonzeption gegenüber dem geschlossenen strukturalistischen Regelsystem durch dekonstruktive Offenheit gekennzeichnet, die den konnotativ-mehrdeutigen Signifikanten und dessen Materialität in den Vordergrund rückt. Dabei spielt der bedingte individuelle Standpunkt des Lesers/Schreibers, jene (dezentrierte) Individualität, die Saussure mit der parole eskamotierte, die entscheidende Rolle, insofern der Rezipient mit der Arbeit am schreibbaren Text zum aktiven Textproduzenten avanciert.

Sichtbarkeit, mithin die Thematisierung visueller Wahrnehmung (und des ästhetischen Raums), kommt darin in zweifacher Hinsicht zum Tragen. Erstens sind Texte Graphien (materielle, signifikante Schreibungen), die visuell erfasst werden, um Vorstellungsbilder (imaginierte ‚Signifikate’ in differentieller Praxis) zu erzeugen. D.h. Zeichen sind durch ihre visuelle Verortung genauso bestimmt wie ihre ‚Bedeutung’ durch die (diskursive) Position des Betrachters bestimmt ist. Zweitens bleibt das, was nicht visualisiert, respektive textualisiert ist, unsichtbar.